Es ist Pride-Week in Berlin und - trotz aller Wetterkühle - die Stadt heizt sich auf. Pride-Week, so fragte mich meine Freundin und Kollegin Britta: “Was´n das?” Ich sehe ihr diese “Wissenslücke” nach, denn so oft war Neuberlinerin Britta dann doch noch nicht im Regenbogen-Land unterwegs. Ihr Anfang: Das lesbisch-schwule Stadtfest (immer schön lesbisch zuerst nennen, sonst gibts Ärger mit den Kämpferinnen) am Sommeranfangswochenende. Mit Tausenden zogen wir durch die Straßen des “Bermuda-Dreiecks” von Schöneberg. Wir erlebten schönste Harmonie und Fröhlichkeit und manch gewagtes Outfit. In diesem Jahr sah ich so wenig nacktes Fleisch und dafür umso mehr Jeans mit Löchern und Vokuhila-Remakes wie lange, lange, lange … lange nicht. Lustwandelnde Homos in Dolce und C&A-Gucci, Nicht-Homos mit Kind und Kegel, Vielleicht-Homos mit verschämtem Blick auf die Lederkerle an der “Scheune” oder die Badehöschenträger von TIMM - je nach Vorliebe. Diese Melange, diese großartige Normalität im Umgang mit Schwulen, Lesben, Bi- A- und sonstwie Sexuellen hat Britta beeindruckt und mir Spaß gemacht. Es ist der Rahmen für das Politische.
Gerhard Hoffmann, seit Jahren Ikone des “Regenbogenfonds”, des Zusammenschlusses der schwulen Wirte Berlins und Veranstalter, bat Politiker und Künstler auf sein Bühnensofa, u.a. Cem Özdemir (der mit den lebenden Koteletten) und ließ Banner über die Strassen hängen, auf denen Forderungen mit enormem Deutungspotential prangten: “Geschlechtsneutrale Ehe - JETZT!” zum Beispiel. Das ist fein formuliert. Oder: “Demokratie beginnt mit Sexualität!”. Wer kann dazu schon “Ähm” sagen?
Das Fest liegt hinter der Stadt. Der Taumel des Seemannslebens mit “CSD auf der Spree” noch vor ihr und dann, am 27. Juni natürlich - der CSD-Umzug, die Demo, die Parties, der Wahnsinn hoch auf bunten Wagen. Jan Salloch vom veranstaltenden CSD-Verein ist happy. Er strahlt, weil mit dem diesjährigen Motto “Alle Rechte für alle!” eine hoch politische Forderung erhoben wird, die nun bitte auch mal von jenen Medien bemerkt werden dürfte, die sonst nur gezielt nach nackten Popos im Umzug suchen. “Es geht um nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die Aufnahme der sexuellen Identität in den Artikel 3 des Grundgesetzes.” Aha. Das will man dann doch genauer wissen. Bitte sehr - Artikel 3, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im heutigen Original:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Preisfrage für einen Wodka-Red Bull: In welchen Absatz gehört der Begriff “sexuelle Identität” (natürlich im richtigen Fall)?
A: (1), B: (2) oder C: (3)?
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Ja, Leute - is nicht nur feiern am 27.! Es geht um was! Ma grübeln, eyh! Und das im Wahljahr 2009! Gerade jetzt glauben die Macher des CSD, übrigens nicht nur in Berlin, sondern in vielen Städten Deutschlands, das die Forderung nach Entdiskriminierung von sexueller Identität der richtige Schritt zur vollständigen Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transidenten in der Gesellschaft sei. Ich bin da eher skeptisch und frage zurück: Läßt sich Gleichstellung, sprich Akzeptanz durch die Gesellschaft rechtlich verordnen? Per Politikbeschluss? Ja, wenn man jene bürgerlichen Rechte wie die Ehe mit allen Rechten und Pflichten, mit Adoption, Erbrecht usw. will. Ja, wenn man das bestehende Antidiskriminierungsgesetz nicht ausreichend findet und noch mehr Gesetze zum Schutz von Minderheiten will, die sich dann eben auf Artikel 3 berufen. Ich glaube aber, dass mit der rechtlichen Gleichstellung noch lange keine gesellschaftliche Akzeptanz ”gelebt” wird. Soll heißen: Homophobie, das Denken in Kästchen und Vorurteilen, Gewalt gegen Schwule und Lesben, Dummtümelei und Aggressionen auf Schulhöfen - all das ist dringend und jetzt zu bekämpfen. Gerade weil das Klima fürs “Anders-sein” wieder rauer geworden ist in Deutschland. Eine Grundgesetzänderung allein ändert an diesen Zuständen gar nichts. So nutzt Flagge zeigen auf den Strassen mehr, als vor dem Bundestag. Und mal ehrlich: Bevor es bei den genannten “Alltagsproblemen” keine wirklichen Fortschritte hin zu mehr Akzeptanz, Miteinander und auch Harmonie in der Gesellschaft gibt, solange sich das Klima für Schwule und Lesben und ihren Wunsch nach “Gleichheit in Verschiedenheit” nicht bessert, löst auch die schönste Formulierung im Grundgesetz kein Problem.
Übrigens für eine Grundgesetzänderung braucht man eine Zwei-Drittel-Mehrheit, zunächst im Bundestag. Rechnerisch also 408 Stimmen. Union und SPD hätten diese Stimmen derzeit locker. Plus Grüne, plus Linke und warum sollte Guido W´s. FDP eigentlich nicht auch “Ja” sagen? Ach - es könnte so einfach sein.
PS: Der Bundesrat muss ebenfalls mit Zwei-Drittel-Mehrheit zustimmen.
Sitzverteilung im Bundestag (Quelle: Deutscher Bundestag)
Peter Kranz
