LESESTOFF WÄRMSTENS EMPFOHLEN
...wird fortgesetzt
Robert Littell - Das Stalin-Epigramm
ROBERT LITTELL: DAS STALIN-EPIGRAMM, Fischer Taschenbuch, 9,90 EUR
Kann ein Dichterwort Augen und Geist der Menschen öffnen? Einer der talentiersten Poeten im Russland der Neunzehnhundertzwanziger und -dreißiger Jahre glaubt daran. Ossip Mandelstam (1891-1938) wird -sehenden Auges- zum Staatsfeind in der Sowjetunion Stalins. Mit dem bürgerlichen Leben, dem der Bonvivant und Frauenliebling nachhängt (Littell läßt ihn sagen: "Lieber Gott, gib mir eine Muse und eine Erektion.") haben die Sowjetunion und der Bolschewismus nichts zu tun. Terror regiert, Angst vor Verhaftungen und Folter in den Gefängnissen des Geheimdienstes, vor den Schauprozessen und den sibirischen GULags - Mandelstam will aufrütteln und erdichtet 26 Zeilen, jede eine schallende Ohrfeige für den Diktator, jede todbringend. Das Epigramm wird verraten, Mandelstam verhaftet. Was folgt ist fesselnd, gespenstisch und faszinierend. Die Szenen im Verhör lassen niemanden los. Da bin ich sicher. Littell hat eine Sprache gefunden, die die Angst des Dichters, seinen Mut, seine Verzweiflung am Rande des Wahnsinns fühlen lässt - Ergebnis der reichen Erfahrung Littells als Autor vieler Spannungs(Geheimdienst-)romane. Das ist dicht, das ist beängstigend... weiterlesen nicht immer einfach. Das Buch gliedert sich in Erzählungen von sieben Protagonisten, die in der Ich-Form von Mandelstam und ihrer Berührung mit seinem Schicksal berichten. Die achte Person ist Stalin selbst, dem der Dichter fiktiv (oder doch nicht?) begegnet. Mandelstam überlebte Stalins Todesreich nicht. Sein Epigramm schaffte es. Denn es gab Menschen, die sich die Worte merkten.
TOM BRADBY: DIE TOTEN VON ST. PETERSBURG, Heyne-Taschenbuch, 9,95 EUR Zwei Leichen liegen auf dem Eis der Newa - eine junge Frau, die im Umfeld der Zarin arbeitete und ein Amerikaner mit -wie sich herausstellt-ebenso dunkler Vergangenheit wie Absicht. Sandro Ruszky, einen aus der Verbannung zurück gekehrten Polizeiinspektor (zugleich vom zarentreuen Vater verstoßen) führt der Fall in das Innere des zerfallenden Riesenreiches vor der Revolution. Der Held muss sich durch eine Mauer des Schweigens kämpfen, gegen einen mächtigen Geheimdienstchef antreten, in die eigene Vergangenheit zurück reisen und einer schönen Ballerina mehr als nur schöne Augen machen. Sie besitzt natürlich den Schlüssel zur Entwirrung einer recht verworrenen Geschichte. Es sollte offenbar alles hinein, in dieses Buch, das Bradby im Stil eines historischen Thrillers geschrieben hat. Leider ist das Werk zeitweise hanebüchend schlecht übersetzt worden. Zudem hat sich manch Druckfehler eingeschlichten - ziemlich ärgerlich, daß dies einem so großen Verlag passiert. Dennoch: die Kälte der Mächtigen wie der Revolutionäre, die menschlichen Abgründe in Zeiten eines untergehenden und eines aufstrebenden Regimes - mich fasziniert dieser Lesestoff.
CORRADO AUGIAS - GEHEIMNISSE DES VATIKAN, Verlag C.H.Beck - 22.95 EUR
Corrado Augias hat in Italien Fernsehen gemacht und in seinem fortgeschrittenen Leben bereits einige Bücher veröffentlicht. Er kennt sich aus mit dem, was Leser oder Zuschauer spannend finden. Der Mythos Vatikan gehört seit Menschengedenken dazu. Was sich in den Mauern der Männergesellschaft abgespielt hat (oder haben könnte) ist bei Augias amüsanter und spannender Lesestoff. Allein die Geschichte der Entstehung der Papststadt liest sich wie ein ganzer Roman. Die Gerüchte und Geheimnisse z.B. um das Vatikanarchiv oder die Umtriebe von Vatikanbank und Schweizer Garde - wer nach "Da-Vinci"- und "Illuminati"-Hype etwas mehr wissen will, der wird hier bestens bedient. Ein schönes Buch, leider ohne Abbildungen. Lehrreich, amüsant und gänzlich ohne "vatikanische" Strenge.
GILBERT ADAIR: BUENAS NOCHES, BUENOS AIRES - Verlag C.H.Beck - EUR 18,95
Dieses Buch gibt vor, schnell zu lesen zu sein. Aber Vorsicht. Die 167 Seiten lassen einen, lassen mich einfach nicht los. Gilbert Adair erzählt in temporeicher, detaillierter (auch sexueller) Prosa den Ich-Report seines Gideon, eines jungen, schwulen Briten im Paris der frühen 80er Jahre. Der Einsame, noch unerfahren am Mann, findet sein Mittel gegen den quälenden Mangel an Aufmerksamkeit in der noch kondomfreien Homo-Szene-Welt. Er erfindet die heftigsten Eskapaden und erreicht damit tatsächlich schönsten Zuspruch. Zwar bleiben die wenigen echten Erlebnisse enttäuschend, doch Gideon findet in die schwule Männerwelt, die sich am Beginn der AIDS-Epidemie Regeln stellen muss ohne es zu wollen. Was ist schon AIDS? Eine bigotte Erfindung der Konservativen oder echter "Schwulen-Krebs"? Um Gideon herum schlägt die Krankheit, damals noch unbehandelbar, zu. Er erlebt Siechen und Sterben. Dennoch zieht sich dieser Held nicht zurück, sondern beginnt erst recht, sein bislang auf Lügen gegründetes Selbstbewusstsein zu leben. Eine unerhört radikale Geschichte um jene "tödliche Dosis Realität", von der Adairs Held sagt: "Selbst im Angesicht der Guillotine ist das Leben besser als der Tod." Ein Plädoyer gegen die Angst - für mehr als den Augenblick.
Carlos Ruiz Zafon - Das Spiel des Engels
CARLOS RUIZ ZAFON: DAS SPIEL DES ENGELS - Fischer Taschenbuch, EUR 9,95
Ich gebe es zu, ich habe Zafons Megaseller "Der Schatten des Windes" (noch) nicht gelesen, sondern sofort zu diesem Buch gegriffen, offenbar die Fortsetzung. Erzählt wird hier eine Variante klassischer "Pakt mit dem Teufel"-Geschichten. David Martin ist ein junger Zeitungsredakteur im Barcelona des frühen 20. Jahrhunderts, kann denken und schreiben und erfindet eine Romanreihe, die die Leser verschlingen. Ein geheimnisvoller Verleger wird auf ihn aufmerksam und macht Martin ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Spannend an diesem Buch ist nicht die Geschichte, es sind die vielfältigen Dialoge, ja Streitgespräche zwischen dem Helden und seinem diabolischen Verleger. Schließlich soll der Jüngling nicht weniger als eine neue Religion schaffen, natürlich eine teuflische... Die Geschichte ist wunderbar unterhaltsam erzählt und voller wunderbarer, manchmal mystisch morbider Barcelona-Beschreibungen. Dennoch ist "Spiel des Engels" aktuell und wartet mit einem unerwarteten Ende auf. Könnte Klassik werden.
JUDITH ZANDER: DINGE, DIE WIR HEUTE SAGTEN, dtv, EUR 16,90
Die gebürtige Anklamerin hat offenbar das Überraschungsbuch 2010 geschrieben: einen "Heimat"roman aus der Provinz. Niemand in der Literaturkritik konnte an Bresekow, einem fiktiven Nest in Vorpommern vorbei-dem Ort, aus dem die Heldin natürlich nur fliehen konnte. Wegen einer Beerdigung muss sie nun zurück und trifft auf eine Gemeinschaft von Menschen, die sie kennt und die ihr doch fremd bleibt. Drei Generationen, verbunden in Freundschaft und Verrat, in spürbarer Abgeschiedenheit und Enge. Das Leben zwischen enttäuschten Erwartungen und erwartbarer Enttäuschung - das ist schon trist. Der Zauber dieses Buches liegt nicht in seiner Geschichte. Wirklich nicht. Ich brauchte einige Geduld und habe das Buch mehrfach weggelegt. Doch die Kraft der Sprache Judith Zanders holte mich zurück nach Bresekow. Es muss eben gesagt werden, was in diesem Buch gesagt wird.
Peter Kranz