BÜCHER FÜR JEDEN ANLASS
Ralf Rothmann - Feuer brennt nichtRALF ROTHMANN - FEUER BRENNT NICHT, SUHRKAMP-VERLAG, 19 €
Ach, das Leben als Mitt-Vierziger und Heteromann muss anstrengend sein. Wolf liebt seinen Kreuzberger Kiez und zieht aus Liebe zu Alina in eine gemeinsame Wohnung an den Rand Ost-Berlins. Dort taumelt das Paar zwischen Glück, Einsamkeit, Ordnungs-Ossis und Alltags-Wahnsinn hin und her. Als Wolf Charlotte kennenlernt, die ihn seitenlang erotisch verzückt, greift der "Held" zur Wahrheit und beichtet Alina die Liaison. Da "Feuer nicht brennt", gibt es aber eine überraschende Reaktion. Rothmann ist sprachlich ein wunderbarer Roman gelungen, der vor allem dann glänzt, wenn er die impertinente Gestrigkeit mancher Vorstadt-Ossis beschreibt oder einer von vielen Akten ansteht. Ansonsten fehlt etwas die Energie, um mich für den "Helden" und das Sujet aus Gesellschafts- und Beziehungsroman zu entflammen.

BENEDICT WELLS - SPINNER, DIOGENES, 19,90 EUR
"Spinner" ist eigentlich nicht der richtige Titel, finde ich. Benedict Wells erzählt die Geschichte des ziemlich depressiven 20-jahrigen Jesper, der Schriftsteller sein will. In seiner Wohnung, einem Kellerloch in Berlin bringt er aber doch nicht mehr zustande, als einen 2000 Seiten-Entwurf, dessen Qualität benebelt wird, durch den ständigen Alkohol- und Tablettenmissbrauch des Autors. Irgendwann beginnen sich die Romanfiguren sogar selbstständig zu machen und Realität und Fiktion verschwimmen. Wären da nicht die (übrigens schwulen) Freunde Gustav und Frank und jene unnahbare Miri, das Schicksal des ständigen Selbstzweiflers wäre wohl früh besiegelt. Und das ist das Störende an dieser Erzählung, die der erst 26jährige Wahlberliner Wells vorlegt: Das Gejammer seines Helden nervt zuweilen. Man möchte Jesper allzu oft schütteln. Dennoch: Ein junges Buch, ohne Jugendbuch zu sein. Manche Erzählstränge bleiben leider etwas klischeebeladen (so wenn es um die "Szene" von Berlin geht). Andere Sätze haben wiederum wunderbaren Tiefgang. "Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich habe nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart." Da will einer mehr erzählen... Lesen!
Matt Ruff - Ich und die AnderenMATT RUFF: ICH UND DIE ANDEREN - dtv - 9,95 €
In "Ich und die Anderen" geht es um ein Haus. Ein Haus, das der Held, Andrew Gage für viele Menschen eingerichtet hat - die Menschen in seinem Kopf. Denn hier leben Dutzende völlig verschiedener Persönlichkeiten. Matt Ruff schreibt unterhaltsam und spannend über einen jungen Mann, der als "multiple Persönlichkeit" lernt, mit sich und anderen umzugehen. Es kommt Bewegung in Andrews Leben, als er ein Mädchen kennenlernt, das ebenfalls "multipel" ist, dies aber noch nicht weiss. Charmant, vergnüglich, tiefsinnig - wunderbar. Danke, Jan für Deine tolle Empfehlung.
David Benioff - Stadt der DiebeDAVID BENIOFF - STADT DER DIEBE, Blessing, 19 €
Für dieses Buch kann man David Benioff nicht genug loben. Der Amerikaner, der in Hollywood als Drehbuchautor Starruhm erntet (u.a. "Wolverine"), hat eine menschliche, ergreifende und komische Geschichte aufgeschrieben, die genau so passiert sein könnte. In Leningrad, der Stadt an der Newa, die im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Blockade leidet, sollen der 17jährige Lew und der Deserteur Kolya ein Dutzend Eier besorgen. Sie starten in ein wahnwitziges, gefährliches, aussichtsloses Unternehmen, bei dem vor allem um eines geht: Menschlichkeit. Inmitten des Wahnsinns von Krieg und Belagerung finden sich zwei und finden übrigens auch die Eier. Aber das nur nebenbei. Ich habe oft gelacht und geweint - ein großartiges Buch.
JOHN WRAY - RETTER DER WELT, rowohlt, 19.95 €
Mein Tipp der Saison ist dieses schmale Buch. Ein Roman, wie eine UBahn-Fahrt. Schnell, ohne Schnörkel und absolut grandios erzählt. Die Geschichte eines 16jährigen Schizophrenen, der sich in den Kopf gesetzt hat, die Welt vor der Erwärmung zu retten, in dem er sich abkühlt. "Lowboy" -so der amerikanische Originaltitel- sucht dafür eine Frau. Er sucht Sex als Möglichkeit, sich abzuregaieren. Da dies nicht ungefährlich ist, wird er von seiner Mutter und einem Polizisten verfolgt, der Einiges mit "Lowboy" gemein hat. Ein Thriller, eine Liebesgeschichte, eine Mutter-Sohn-Geschichte, tief im Untergrund von New York - ein Roman für das neue Jahrtausend. Perfekt.
Mehr zum "Retter" auch per Klick aufs Foto und dann in der ZDF Mediathek. Viel Spaß.
Arsen Rewazow - Der schwarze GralARSEN REWAZOW - DER SCHWARZE GRAL - BLANVALET - 12 EURO
Dieses Buch fand ich bei den Remittenden, jenen Büchern, die vom Buchhändler an den Verlag zurück geschickt werden. Noch nach dem Abstieg zum Mängelexemplar. Dabei ist die durch und durch irre Geschichte um den geldhungrigen Moskauer PR-Agenten Josif und seine Freunde komisch, abgedreht und -außer an den altägyptischen Stellen- durch und durch unterhaltsam. Josif bekommt einen eigenartigen Auftrag von einem eigenartigen Mann. Er soll Codes einer geheimnisvollen und wie er feststellt, gefährlichen Uralt-Gesellschaft in die Medien bringen. Vom großen Geld gelockt geht er auf eine fantastische Odyssee durch das neue Russland mit all seiner kalten Abgründigkeit und warmen Lebensliebe. Es gibt inzwischen eine Neuauflage des Buchs in einem kleineren Taschenbuchformat. Rewazows Erzählung hat es verdient, nicht zu verstauben.
Peter Kranz


